Ziele des Claim Managements

Ziele des Claim Managements. Diskussion eines nicht ganz so einfachen Sachverhaltes. Bildquelle: istockphoto, Urheber: ShadeOn. Bild: Pfeile auf Ziel. – Stockfoto
 

27.07.2020. Diskussion eines nur vermeintlich einfachen Sachverhaltes.

 

Gefragt danach, welches die Ziele des Claim Managements während der Projektabwicklung sind, antworten die meisten Fachleute aus dem Projektgeschäft wie aus der Pistole geschossen: "Mehr Gewinn machen", "Mit aggressiver Vorgehensweise sich im Projekt bereichern" und "Katastrophale Projekte wieder auf die Spur bringen". Alle Antworten erscheinen auf den ersten Blick plausibel.  Doch stellen diese Antworten wirklich die Ziele des Claim Managements dar?

 

Was bedeutet der Begriff „Claim Management“ eigentlich?

 

Tritt man, sinnbildlich ausgedrückt, einen Schritt zurück und übersetzt den Begriff „Claim Management“ wortgetreu aus der englischen in die deutsche Sprache, so erhält man unter anderem folgende Bedeutungen:

 

  • „Claim“ = Anspruch, Behauptung, Forderung.
  • „Management“ = Verwaltung, Handhabung, Steuerung.

„Claim Management“ kann also zum Beispiel Anspruchsverwaltung, Anspruchssteuerung oder Forderungsverwaltung bedeuten, um nur einige -sinnhafte- Wortzusammensetzungen zu nennen.

 

Was beinhaltet zum Beispiel die Übersetzung „Anspruchsverwaltung“? Im Rahmen der Projektabwicklung bestehen wechselseitige Ansprüche zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer im Projekt aus einem geschlossenen Projektvertrag. Kommt es im Projektverlauf zu willentlichen oder unwillentlichen Veränderungen des Leistungsgegenstandes im Projektvertrag oder zu Veränderungen der zwischen den Parteien für das Projekt vertraglich vereinbarten Rahmenbedingungen, so können bei den Parteien Ansprüche gegeneinander zur Kompensation der Konsequenzen dieser Änderungen entstehen. Diese Ansprüche müssen beide Vertragsparteien verwalten, handhaben, steuern, eben „managen“.

 

Die Grundlage hierfür ist der Projektvertrag/ die für den Projektvertrag anwendbare Rechtsordnung. Hieraus erwachsen die Möglichkeiten/ bzw. Anforderungen an die Vertragsparteien, wie innerhalb definierter Fristen Ansprüche gegen die jeweils andere Vertragspartei im Projekt geltend gemacht / abgewehrt werden müssen/ können. Die Summe der diesbezüglichen organisatorischen/ prozeduralen und methodischen Maßnahmen nennt man Claim Management.

 

Gibt es DAS Ziel des Claim Managements?


Claim Management kommt also in Projekten zum Tragen. Ein Projekt wird von Wikipedia wie folgt definiert:


„Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus einem Satz von abgestimmten, gesteuerten Tätigkeiten bestehen und durchgeführt werden kann, um unter Berücksichtigung von Vorgaben wie etwa Zeit, Ressourcen (…) und Qualität ein Ziel zu erreichen.“

 

Anders formuliert bedeutet dies, Projekte unterliegen äußeren und inneren Einflüssen im Zeitverlauf ihrer Durchführung. Die Konsequenzen dieser Einflüsse müssen von den für das Projekt Verantwortlichen gesteuert werden, um trotz dieser beinflussenden Störgrößen die vor/ bei Projektstart definierten Projektziele zu erreichen. Claim Management ist diejenige Disziplin innerhalb des Projektmanagements, welche sich mit den Konsequenzen der äußeren Einflüsse (jenseits der eigenen Verantwortungssphäre) auf das Projekt beschäftigt. Die Konsequenzen der inneren Einflüsse (diesseits der eigenen Verantwortungssphäre) auf das Projekt, werden nicht mit den Methoden des Claim Managements bearbeitet. Warum eigentlich nicht? Führt zum Beispiel die schleppende Arbeit der eigenen Engineering-Abteilung zu Verzögerungen im Projekt, so wäre es sinnlos wenn der Projektleiter gegen den Abteilungsleiter des Engineerings Kompensationsforderungen richten würde, weil der externe Auftraggeber des Projektes Vertragsstrafe wegen Verzug von seinem Auftragnehmer fordert.

 

Hier Claim Management zu betreiben, wäre nicht effizient, da selbst erfolgreich intern geltend gemachte Kompensationsforderungen nur zu firmeninternen Budgetverschiebungen führen würden. „Rechte Tasche, linke Tasche“ ist ein guter Ausdruck hierfür. Also ist es in der Praxis ungebräuchlich von Claim Management zu sprechen, wenn störende Einflüsse aus der eigenen Verantwortungssphäre auf das Projekt kompensiert werden müssen. Hier greift der Projektmanager steuernd ein; koordiniert interne Abhilfemaßnahmen und führt damit das Projekt wieder zurück in den Plan. Kompensationsansprüche werden, mangels -projektvertraglich betrachtet- Verantwortlichen erst gar nicht formuliert.

 

Ansprüche auf Kompensation von Ablaufstörungen, Abweichungen und Änderungen im Projektverlauf zwischen rechtlich voneinander unabhängigen Vertragsparteien sind jedoch zu verwalten, handzuhaben und zu steuern. Dies wird getan, um das Projekt innerhalb der vereinbarten Kosten-, Termin- und Qualitätsziele abzuschließen. Claim Management dient also primär der Erreichung der Projektziele; genauer gesagt, um das durch den Projektvertrag begründete Schuldverhältnis gegenüber dem Vertragspartner zu erfüllen, aber auch, um zu verhindern, dass das eigene Unternehmen aufgrund externer unverantworteter Störeinflüsse schlechter gestellt wird.

 

Wo kein Claim Management draufsteht, ist dennoch Claim Management drin!

 

„Wir machen kein Claim Management. Wir gehen immer partnerschaftlich mit unseren Kunden/ resp. Kontraktoren um“ ist eine gelegentlich gehörte Aussage. Es erscheint wenig glaubhaft, dass Unternehmen, die per Definition eine Gewinnerzielungsabsicht haben, dazu bereit sind, Konsequenzen von Störeinflüssen zu tragen, für deren Ursachen sie, vertraglich betrachtet, nicht die Verantwortung im Projekt tragen. Claim Management betreibt jeder Projektleiter, der in „seinem“ Projekt prüft, ob Vertragspartner ihren Verpflichtungen nachgekommen sind. Claim Management betreibt jedes Unternehmen, welches Ausgleich für Mehraufwände im Projekt verlangt, die Partner im Projekt zu verantworten haben. Vielleicht steckt nicht immer ein lupenreiner, klar strukturierter und methodischer Ansatz dahinter, Nachforderungen im Projekt zu behandeln, aber es bleibt dennoch Claim Management.

 

Erst die Absicht macht das Messer zur Waffe.

 

Claim Management ist nichts Ehrenrühriges. Es ist vielmehr ein Instrument zur Erfüllung des Projektvertrages zwischen gleichberechtigten Auftraggebern und Auftragnehmern. „Unsere Kunden/ Kontraktoren sind unsere Partner“ ist eine Haltung im Projektgeschäft, die nicht nur Lippenbekenntnis sein sollte. Wenn Projektpartner nachvollziehbar auf Basis von prüffähig dargelegten Sachverhalten und auf Basis des Projektvertrages über die Kompensation von Störungen, Abweichungen und Änderungen im Projekt entscheiden, bleibt der partnerschaftliche Gedanke auch erhalten, wenn es mal „klemmt“ im Projekt. Verstehen sich Auftraggeber als „König Kunde“, dem “der Untertan“ Auftragnehmer stets zu folgen hat, ist die Saat dafür ausgebracht, dass der Auftragnehmer mit den Methoden des Contract Managements in der Angebots-Phase eines Projektes vertragliche Lücken schafft, die es ihm erlauben „König Kunde“ im Projektverlauf mit den Mitteln des Claim Managements zum eigenen Vorteil „eins auszuwischen“. Das kann ein Ziel des Claim Managements sein, aber ganz sicher kein ratsames Ziel.

 

Besser ist es, Claim Management als Mittel der Vertragserfüllung im Projekt zu begreifen, mit dem Ziel das Projekt zum Erfolg zu führen. Hierfür braucht es gleichberechtigte Partner im Projekt. Ob „das Messer“ Claim Management eine Waffe oder ein Werkzeug zur Einnahme des Abendessens ist, ist also eine Frage der Rahmenbedingungen, unter denen es zur Anwendung kommt. Gleiches gilt für dessen Ziele. Kurz gesagt: Bei allem Verständnis für gewinnoptimiertes Vorgehen der Vertragsparteien im Projekt, sollte der „Spirit“ der Vertragsparteien untereinander stets sein, langfristig gute Geschäfte miteinander machen zu wollen.


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