Talfahrt des Ölpreises

Sind Erneuerbare Energien noch rentabel? Eine Einschätzung der 11:55 PM consultants GmbH.

 

(Potsdam, 19.02.2016) Den rasanten Ölpreisverfall haben die meisten Verbraucher in Deutschland mit Erleichterung aufgenommen. Im Durchschnitt werden in diesem Jahr Autofahrer 500 Euro weniger für Benzin ausgeben. Dass die deutschen Exporteure weniger Aufträge  aus den rohstoffproduzierenden Ländern verbuchen, fällt zumindest auf den ersten Blick weniger ins Gewicht. Schließlich haben Nordamerika und China bislang die gesunkene Nachfrage aus Saudi Arabien und Russland aufgefangen. Doch nun sehen einige Experten auch für den Bereich Erneuerbare Energien schwarz.  

 

Aufgrund des aktuell sehr niedrigen Ölpreises haben es die regenerativen Träger zum Teil schwerer, sich auf dem Markt durchzusetzen. Bei Wärme und Verkehr ist die Einführung von Technologien zur Gewinnung Erneuerbarer Energien mit hohen Kosten verbunden. Dagegen haben Ölheizungen im letzten Jahr Marktanteile gewonnen. Insgesamt wurden im Jahr 2015 60.000 Ölheizungsanlagen verbaut – 30 Prozent mehr als 2014. Wenn man sich vor Augen hält, dass der Anteil von Erneuerbaren Energien in der Haustechnik von 45 Prozent im Jahr 2008 auf knapp 20 Prozent in 2015 fiel, wird der Trend offensichtlich. Das hat auch die Bundesregierung erkannt und im Januar 2016 das „Anreizprogramm Energieeffizienz“ gestartet, mit dem die Energiewende bei Gebäuden und Heizungen forciert werden soll.

 

Auch beim angestrebten Ausbau der Elektromobilität wird die Talfahrt bei Benzin und Dieselpreisen zu einem Problem. Im vergangenen Jahr wurden lediglich 12.363 Elektroautos zugelassen. Beim anvisierten Ziel von einer Million Elektrofahrzeugen bis zum Jahr 2020 ist dies jedoch viel zu wenig. Ob eine stärkere Förderung der Elektromobilität vor dem Hintergrund niedriger Benzinpreise zielführend ist, darf bezweifelt werden. 

 

Zu einer optimistischen Einschätzung kommt dagegen eine Analyse der Unternehmensberatung Roland Berger.  Die gegenwärtig höhere Rentabilität bei den fossilen Energieträgern sei nur vorübergehend. Zum einen habe sich nichts an der grundsätzlichen Knappheit der fossilen Rohstoffe geändert, zum anderen sei die Windstromerzeugung an Land in vielen europäischen Ländern wettbewerbsfähig geworden. Die Autoren der Untersuchung unterstreichen, dass erneuerbare Energien durchaus Potential zu mehr Rentabilität haben. So könnten z.B. die Windkraftbetreiber ihre Gewinne um mehr als 300 Millionen Euro pro Jahr steigern, wenn sie ihre Betriebskosten reduzieren würden. Der Bundesverband WindEnergie (BWE) weist darauf hin, dass Strom aus Windenergieanlagen heutzutage deutlich günstiger erzeugt wird als vor vier Jahren. 

 

Nach Analyse von Bloomberg New Energy Finance (BNED) wurden im vergangenen Jahr weltweit insgesamt 328,9 Milliarden US-Dollar in den Ausbau  Erneuerbarer Energien investiert. Auch wenn Deutschland laut dieser Studie seine Führungsrolle eingebüßt habe, zeige der Höchststand bei den Investitionen, dass der tiefe Ölpreis den internationalen Trend zum Ausbau alternativer Energien nicht beeinflusste. Der zu beobachtende Einbruch bei Investitionen  im Bereich Erneuerbarer Energien in Deutschland ist dem BNED zufolge auf die Kürzung der Photovoltaik-Anlagen zurückzuführen. 

 

Betrachtet man also die Auswirkungen der niedrigen Ölpreise auf die einzelnen Sektoren der erneuerbaren Energien, ergibt sich ein differenziertes Bild. Während bei Elektromobilität und Heizungsanlagen die sinkenden Preise von fossilen Energieträgern für einen negativen Trend sorgen, ist der Windenergiemarkt inzwischen so robust und profitabel, dass man hier von einer stabilen Entwicklung sprechen kann. Da die Ölpreise voraussichtlich Jahre benötigen werden, um wieder auf ein höheres Niveau zu steigen, wird die Bundesregierung einzelne Anpassungen bei staatlichen Förderungen durchführen müssen.